Maandag 5 augustus 2019, ‘Vredeskerkje’ Bergen aan Zee

Predigt im Zusammenhang mit Jesaja 11:1-9 aus Die Schrift. Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig und Matthäus 3:13-17 aus Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers für die Tauffeier von Joscha Valentin Gaedicke am Montag, den 5ten August 2019 um 11.00 Uhr in der Friedenskirche in Bergen aan Zee

Gemeinde,

Jesaja ist ein Mann in gesetztem Alter und findet sich im Moment des Schreibens in einem Krieg. Er hat in den vergangenen Jahren viel Drohung, Verhärtung, politische Streiterei und Angst in der lokalen Bevölkerung mitgemacht. Es klangen keine Kinderstimmen mehr auf der Straße. Die Kinder kletterten nicht länger über die Gerüste auf den Plätzen. Jesaja sah keine Bälle über holprige Wege rollen. Die Kinder kamen nicht mehr zu ihm mit ihren Rotznasen, mit einer zerrissenen Hose oder einen leeren Magen. Was aber doch viel Staub aufwirbelte, war die militante Zurschaustellung ausländischer Kriegsleute. Der Syro-Epfraimitischer Soldat schrie seinen jüdisch-gläubige Altersgenosse an und war so im Aufmarsch, dass der Jude sich fragte, wie lange noch der heutige gottesfürchtige Fürst auf den Tron sitzen würde.

Jesaja scheute sich Partei zu ergreifen, glaubte das Gewalt nachlassen könnte, wenn man nicht eingriffe, aber fühlte sich doch unbequem bei seiner “Nachlässigkeit”. In der aktuellen Situation, in einer Welt in Flammen, konnte er nicht neutral bleiben. Was er von seiner Position aus in Kapitel 11, Vers 1 bis 9 tut, ist eine Prophezeiung schreiben, worin er die Geburt eines Kindes am königlichen Hofe vorhersagt. Am Ende des “Immanuel-Büchleins” das er schreibt, ist ein Baby die Perspektive die er malt. Es ist ein äußerst fruchtbarer Versuch das regierende Fürstenhaus aufs Neue Vertrauen zu schenken und eine Population von Gläubige zu befreien von einem Krampf. Die Prophetie war Jesaja auf dem Leibe geschrieben. Sie ist sein Stilmittel und das Medium womit er sich engagierte mit der Lokalpolitik. Gibt es vielleicht noch mehr zu sagen über die Prophezeiung außer sie als “Gattung” zu denken? Was unterscheidet die Weise worauf Jesaja als Propheten sich verhält zur Zukunft von der Weise von Figuren aus anderen Kulturen als die des alten Nahen Ostens?

Bisher haben wir Jesajas persönliches Engagement näher herangeholt und seine Verbundenheit erklärt gegen den Hintergrund der historisch-politischen Situation in der Zeit des Autors. Wenn man die Prophetie in eine breitere kulturelle Perspektive betrachtet, dann kann man sehen, dass die Prophetie eine Äußerung ist von einem “Stadium” worin die Kultur sucht nach einer ersten Form von systematischer Erwerbung von Erkenntnisse. Die Prophetie ist ein Erraten, das Teil ausmacht von einer “Phase” von Entdeckung, Ausprobieren und Entwickeln. Denn dass eine junge Frau, die Königin, ein Kind gebären würde, wie Jesaja prophezeite, war eine große Nachricht in einer Periode worin die Erhaltung des “Fürstentums” und damit der Staatsregierung unsicher ist, aber worauf basierte Jesaja diese Aussage? Er stand nicht als Medikus und auch nicht als Freund in einem vertraulichen Verhältnis zur Königin und er verfügte nicht über moderne Messinstrumente womit er die Schwangerschaft hätte erweisen und errechnen können. Woher kam die Prophetie?

Die Vorhersage die Jesaja tut, ist vergleichbar mit der Formulierung einer Hypothese in der Wissenschaft. Eine Hypothese is eine unbewiesene Aussage, die helfen kann eine Untersuchungsfrage zu beantworten. Es ist oft schwierig eine solche These “zu erhärten”, weil sie des Öfteren in allgemeine und theoretische Bezeichnungen erfasst worden ist. Wohl kann eine Wissenschaftler nach Anlass einer Hypothese spezifische Folgen und Erwartungen aufstellen von Daten die man sehen, nachgehen und prüfen kann. Die Funktion von einer Prophetie war es eine Geschichte zu dokumentieren, aktuelle Ereignisse zu loten und auf eine ganz spezifische Weise, nämlich eine religiöse, den Lauf der Ereignisse zu betrachten. Ein Prophet ist kein Historiker der Bausteine sammelt und diese auf seine oder ihre Weise zusammenfügt. Ein Historiker wählt Komponente und ordnet sie auf eine eigene Weise. Er nimmt Entschlüsse über seine Daten, aber immer im Nachhinein. Jesaja aber tut einen Wurf in die Zukunft hinein. Er macht einen Schritt nach vorn. Er verfügt nicht über Modelle wovon er Gebrauch macht. Um eine Einschätzung der Zukunft seines Landes zu machen, konnte er sich nicht verlassen auf Regeln und Standards.

Eine zweite Rolle die Jesaja auch nicht erfüllt, ist, wie im griechischen Altertum, die eines Orakels das als eine Durchreiche der Götter eine Aussage tut über das Los eines Volkes. Die Vorhersage Jesajas ist ein Wagnis das nicht auf Erkenntnis fundiert ist. Das ist ja gerade der Crux. Wenn Jesaja eine Vorhersage machen würde, auf Grund dessen was er zeigen könnte, demonstrieren und also wissen, dann würde damit keinen Glauben geschürt. Was Jesaja tut, ist etwas im Voraussicht stellen, eine Hoffnung bieten, womit er den Streit zweier Bevölkerungsgruppen schlichten möchte.

Sowohl im Alten wie im Neuen Testament wird eine Geburt angekündigt zum Zeichen einer neuen Zeit. Der Neugeborene wurde wohl gesehen als ein “Zeuge” der Nähe Gottes, denn wo er auch krähte, kroch oder lief, wurden Menschen gerührt oder überrumpelt. Mit einem Kind in der Nähe erblühte das Leben, legten Rivale ihre Waffen nieder, wurden Zusammenarbeitsvereinbarungen eingegangen, Kulturen geteilt, die Lebenslust bekam einen Impuls, Menschen zeigten Unternehmergeist, Umstehende von Wiege, Buggy oder Maxi-Cosi brüllten manchmal vor Lachen. Sah ein gläubiger Israelit ein Kind laufen, dann wusste er: Sehe, Gott ist mit Uns, Immanuel.

In dieser Umgebung von Anmut setze Jesaja Wolf und Schaf – man lese: Anhänger der verschiedenen Religionen, mit einer anderen Ethnizität oder aus einem verschiedenen Haushalt – bei einander ohne dass Einer den Andern auffraß. Kind und Natter können in diesem Blickfeld in Anwesenheit des Anderen verweilen ohne dass der Eine in den Andern eine Beute sieht.

Auch der Autor des Evangeliums auf Namen von Matthäus hat in seiner Zeit zu tun mit einer Form von Repression. Sowohl “Bürger” als Tempelbesucher zahlten solch hohe Steuern dass der Spaß der Religion und die Freude Teil einer Gesellschaft zu sein, schon bald erloschen waren.

Matthäus hat in einen Zeitgenossen, Jesus, eine politische Figur gesehen, der eine religiöse Lösung für politische Probleme vertrat. Er stellte Johannes der Täufer so dar, das der Täufer ein Vorgefühl gehabt hat des prophetischen Charakters von Jesus, angesehen Johannes ihn mit Scheu “einholt”. Die Asymmetrie in zwischenmenschlichen Verhältnisse worauf “Scheu” durch Achtung für einen Anderen deutet, wird mit der Taufe zunichte gemacht. Dass Johannes Jesus tauft, statt andersrum, egalisiert die Verhältnisse. In beiden Figuren kann man einen gleichen Geist gewahr werden, nämlich einen der unzufrieden ist über der politischen, kulturellen und religiösen Unterdrückung von Minderheiten. Die Taufe sorgt dafür dass beide nun als Kameraden, als Kollegen, in einem gemeinsamen religiösen Geist gegen die Praktiken der Unterdrückung sich erheben.

Die Erwachsenentaufe hat im Vergleich mit der Kindertaufe eine abenteuerliche Seite. Während ein getauftes Kind einen Namen bekommt und aufgenommen wird in einer sicheren Gemeinschaft, wird der Erwachsene gerade von der sicheren Welt womit er oder sie vertraut war, geschieden. Der Mutterschoß wird verlassen: das Mädchen ist eine Frau geworden, der Junge ein Mann.

Wer im Geiste getauft wird, initiiert einen Plan und setzt eine Unterschrift unter ein Abkommen womit der Neugeborene bricht mit einer “alten Natur” und, sehr gewagt, aufs Neue tanzen lernt. Für den Neugeborenen der ins Wasserbad des Geistes tritt, verwischen sich gerade (wieder) deutliche Grenzen – sie oder er steht in einem Nebel von Dampf und Undurchsichtigkeit. Es gibt die Eingebung, ein Blick auf was kommt, aber keine Sicht auf Ergebnisse oder “Endresultate”. In diesem “Durchzug” findet der Gläubige keinen Halt in die empirische Wirklichkeit, es gibt nur eine starke Intuition dass man etwas tun soll. Ein Gläubige nennt diesen Grund “Gott” und es ist dieser Platz wo das Verhältnis zwischen Mensch und “das was den Menschen übersteigt” kultiviert wird.

In dieser Region ändern sich biologische Verhältnisse in religiöse Verhältnisse, weil ein Mensch hier zum Kind, zum Auserwählten oder Geliebter Gottes getauft wird. Ob man als befreit, emanzipiert, wiedergeboren und neu erschaffen wieder aus der Taufe kommt, keine Ahnung. Der Neugeborene verkehrt in einem Zustand worin die Erwartung herrscht, dass die Taufe ihm oder ihr Reichtum erbringen wird. Ein Erwachsener der in Verzückung gerät und die Wanderung “zu Gott” angetreten hat, darf wünschen, dass die Reise “auf die er oder sie in unbekannte Häfen einfahren wird” lange dauern wird, darf sich in keinem Falle überhasten. “Im Geist” bleibt ein Gläubige als wäre er oder sie ein Leser, lieber Stundenlang mitten im Buch, als schnell weiter zu lesen oder gar die letzte Seite schon gelesen zu haben. Die Prüfung des Glaubens ist dass man die Spannung des Unergründlichen und des Unvorhersehbaren auszuhalten weiß.

Amen